Ich möchte an dieser Stelle auf ein Buch hinweisen, daß ich für atemberaubend gut halte und grandios finde. Merkwürdig ist dabei, daß es sich um ein Lehrbuch handelt, genauer um ein Lehrbuch der „Psychologie“, das sein Autor, Norbert Bischof, als „Grundkurs für Anspruchsvolle“ bezeichnet (Kohlhammer Verlag, 2. Aufl. 2009). Das Sensationelle an dem Text: Hier wird dem Lesenden bzw. Studierenden in jedem Satz die Möglichkeit gegeben, sich im Nachdenken – wörtlich gemeint – des Geschriebenen zu üben, und Bischof platziert seinen Stoff genau dorthin, wo er hingehört, nämlich zwischen Physik und Philosophie. Das heißt, der Autor kennt sowohl die Physik als auch die Philosophie, und daher kann er seinen Lesern eine Kennerschaft in Psychologie vermitteln, die ich sagenhaft finde. Im erweiterten Text stelle ich ein Beispiel für die souveräne Handhabung des mächtigen Stoffes vor, den die Wirklichkeit uns bietet. Auf jeden Fall möchte ich meine Überzeugung zum Ausdruck bringen, daß mit einem solchen Lehrbuch der Psychologie große Zeiten bevorstehen. Die Leser von Bischofs Grundkurs werden diesen Anspruch erfüllen.

Psychologen – und nicht nur sie – müssen sich mit Kategorien rumschlagen. Sie stammen von Aristoteles und spielen bei Kant eine große Rolle. Eine berühmte Kategorie der Wahrnehmung kennen wir als Identität, die separate Phänomene verbindet. Dazu hat die Physik – vor hundert Jahren – eine besondere Beobachtung gemacht, die als Doppelspaltversuch berühmt geworden ist (vgl. Bischofs Buchs S. 107-110). Er zeigt, dass die Identitätskategorie für Elektronen nicht greift, und das ist vor allem von Bedeutung für die Philosophie. Denn damit zeigt ein Ding an sich, daß es sich beliebig in Kategoerien zwängen lässt. In Bischofs wunderbaren Worten: Wir wissen, daß zutrifft, was Kant für ausgeschlossen hielt, nämlich „dass sich das Ding an sich durch Klopfzeichen bemerkbar macht.“ Die Physik hat damit „Kants Epistemologie den Todesstoß versetzt, ohne dass freilich bis heute irgendein Philosoph dies zur Kenntnis genommen hätte.“ Kann das jemand – ein Psychologe – erklären?