Leseproben


Download  „Freudsche Kränkungen“ (PDF; 98KB)


Download  „Mozart und die Quantenmechanik“ (PDF; 76KB)


Download  „Vom Schweigen der Organe“ (PDF; 84KB)


Download  „Welche Naturwissenschaft braucht der Mensch“ (PDF; 124KB)


Download  „Ästhetische Neugier und begriffliche Langeweile“ (PDF; 56KB)


Download  „Das große Buch der Evolution“ (PDF; 2,9MB)


Wieviel Naturwissenschaft braucht der gebildete Mensch?

Naturwissenschaft und Bildung gehören in Deutschland nicht unbedingt zusammen. Mir sind jedenfalls viele Menschen bekannt, die sich als gebildet in dem Sinne bezeichnen, dass sie Intelligenzblätter – wie die ‚Zeit‘ oder den ‚Spiegel‘ – lesen, dass sie ins Theater gehen – etwa in die ‚Schaubühne am Halleschen Ufer‘ -, dass sie nur klassische Musik auf dem CD-Player spielen und dass sie zwar Romane zum Beispiel von Martin Walser, aber nicht von Gabi Hauptmann lesen, während sie zugleich gerne und bereitwillig zugeben, von den Naturwissenschaften nichts zu verstehen. Sie kennen zwar Gedichte, aber keine Gesetze (der Natur), und sie halten es nicht für wichtig, dies zu tun. Sie kennen Dichter und Maler, aber die Physiker und Biologen kennen sie nicht oder nur dann, wenn sie auf persönliche Weise auch außerhalb ihrer Wissenschaft auffällig sind – wie Albert Einstein etwa durch seine langen Haare, wie der amerikanische Physiker Richard Feynman durch sein Trommelspiel bzw. seinen spektakulären Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss des Challenger-Unglücks von 1986, oder wie Edwin Land durch seine unermüdliche Geschäftstüchtigkeit, die uns die Sofortbildkameras der Firma Polaroid bescherte.

Eine Frage der Bildung

Tatsächlich lässt sich ohne weiteres und ohne Zögern zunächst weder behaupten, dass die Naturwissenschaft etwas sind, das aus Selbstzweck betrieben wird, noch dass es sich dabei um etwas handelt, das die Menschen jenseits ihrer Berufe miteinander verbindet und ihnen geistigen Genuss bereitet. Genau so hat aber der Altphilologe Manfred Fuhrmann in einem 1995 erschienenen Aufsatz, der ‚Von den Ursachen des Verfalls der Allgemeinbildung‘ handelte, die geistige Einstellung definiert, die wir in der westlich-abendländischen Kultur Bildung nennen. Es geht bei Bildung also um die Fähigkeit zur Kommunikation und zum Dialog, um den Prozess, der einem Individuum zu Selbständigkeit und Freiheit verhelfen und die Möglichkeit zur Teilhabe am Kulturganzen mit sich bringen soll.
Fuhrmann macht deutlich, dass Bildung in Deutschland lange Zeit keine Konjunktur hatte. In den sechziger Jahren gab es nämlich den sogenannten Durchbruch des gesellschaftspolitischen Denkens, der in einer radikalen Abkehr von der klassischen Bildungstradition bestand. Es ging vielen Menschen von da an nicht mehr um Geist, Idee und Kultur; es ging ihnen mehr um Gesellschaft, Einkommen und soziale Gerechtigkeit. Zwar wurden erst ein ‚Strukturplan für das Bildungswesen‘ (1970) und dann der ‚Bildungsgesamtplan‘ (1973) vorgelegt, aber beide Entwürfe enthielten keinen allgemeinverbindlichen Kanon mehr, mit dessen Hilfe eine Orientierung in dem vielfältigen Angebot der europäischen Kultur möglich wurde. Gymnasien und Universitäten kümmerten statt dessen sich um individuellen Neigungen und übernahmen die Aufgaben der Berufsvorbereitung.
Es ist natürlich diese Lücke, die von den aktuellen Bemühungen um Bildung gefüllt wird, wobei es die literarischen oder künstlerischen Angebote deshalb leicht haben, weil sie über den Weg der Romanlektüre oder der Bildbetrachtung im Museum genau das erzielen können, was der gebildete Mensch anstrebt, nämlich den geistigen Genuss.
Ich vermute nun, dass es vor allem für Laien außerhalb der Wissenschaftlergemeinde schwierig ist, sich vorzustellen, dass beim Erreichen oder Nachvollziehen naturwissenschaftlicher Einsichten auch von solch einem Genießen die Rede sein kann. Dabei kann schon ein kurzer Blick in Biographien von Forschern genau diesen Tatbestand an den Tag bringen:
Max Delbrück, der Wegbereiter der Molekularbiologie, der 1969 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, hat zum Beispiel unermüdlich und ausdrücklich die ‚Freude am Denken‘ betont, die er empfindet, wenn er versucht, die Rätsel zu lösen, die die Natur vor unseren Augen ausgebreitet hat. Viktor Weisskopf, einer der führenden Physiker unseres Jahrhunderts, hat in seiner Autobiographie davon gesprochen, dass es das große geistige Vergnügen seines Lebens sei, ‚Mozart und die Quantenmechanik‘ zu kennen. Und der überlebensgroße Einstein hat häufig zu verstehen gegeben, dass er das Privileg habe, sich dem reinen Nachdenken über wissenschaftliche Zusammenhänge hingeben und dabei ungetrübten Genuss erleben zu können.
Mit anderen Worten: Von ihren geistigen Qualitäten her könnten Naturwissenschaften wie die Musik oder die Literatur zur Bildung gehören – und damit einen völlig anderen Stellenwert in der öffentlichen Diskussion und Einschätzung bekommen -, doch scheint diese Seite zu wenig von Menschen außerhalb der wissenschaftlichen Berufe wahrgenommen zu werden. Der Grund für diesen Mangel lässt sich leicht angeben, denn es ist keine Institution in Sicht, die Menschen so schult und ausbildet, dass sie in die Lage versetzt werden, das Vergnügen an den Naturwissenschaften zu haben, dass ihren Schöpfern selbstverständlich geworden ist, ohne an den steilen Zugängen zu scheitern, die ihre Inhalte so unzugänglich bzw. ungemütlich zu machen scheinen.

Mehr als Missverstehen

Leider gehört es vor allem in Deutschland zu dem Ritual einiger Geisteswissenschaftler, den Naturwissenschaften die geistigen Qualitäten abzusprechen, die sie in Wirklichkeit besitzen und die man viel stärker propagieren sollte, um das Verständnis für diese leider immer noch geheimnisvolle Macht zu verbessern, die das Leben in unserer Gesellschaft stärker bestimmt, als vielen selbst gut informierten Beobachtern klar zu sein scheint. So konnte man zum Beispiel 1972 in dem von Josef Kopperschmidt stammenden Aufsatz über ‚Literarisches Sprechen im Zeitalter der Wissenschaften‘ die Meinung des Autors lesen, dass die Naturwissenschaften keinerlei Bildungswert besitzen, ‚weil sie ihrem methodischen Erkenntnisgewinn nach technisch und ihrer Verwertung nach praktisch orientiert sind.‘ Schon vier Jahre vorher (1968) hatte der damals zu Rang und Ruhm aufsteigende Jürgen Habermas in einem Beitrag über den Zusammenhang, den ‚Technischer Fortschritt und soziale Lebenswelt‘ eingehen, folgendes vollkommen unzulängliche Bild von den Auswirkungen der Naturwissenschaft entworfen:
‚Die Erkenntnisse der Atomphysik bleiben, für sich genommen, ohne Folgen für die Interpretation unserer Lebenswelt. … Erst wenn wir mit Hilfe der physikalischen Theorien Kernspaltungen durchführen, erst wenn die Informationen für die Entfaltung produktiver oder destruktiver Kräfte verwertet werden, können ihre umwälzenden praktischen Folgen in das literarische Bewusstsein der Lebenswelt eindringen – Gedichte entstehen im Anblick von Hiroshima und nicht durch die Verarbeitung von Hypothesen über die Umwandlung von Masse und Energie.‘