Inkompetenzkompensationskompetenz

Vor einigen Jahrzehnten hat man an den Bildungseinrichtungen namens Universität gemerkt, dass viele Probleme sich nicht nach den Disziplinen wie Physik oder Philosophie richten, sondern dass sich die Disziplinen nach den Problemen richten müssen. Wer etwa die Struktur des Erbmaterials erkunden will, muss mehr als Chemiker oder Bakteriologe sein und sich auch in der Röntgenbeugung an Kristallen und der Genetik auskennen. Und wer sich zur Energie äußert, sollte neben der Physik und deren Geschichte auch die Elektrizifierung der industriellen Welt im 19. Jahrhundert im Blick haben, und selbst das reicht nicht im Angesicht von Kernkraftwerken und den politischen Bemühungen um eine Energiewende mit erneuerbaren Trägern des begehrten Produkts.

Kurzum, nach und nach wurde ein Studium Generale populär und von den Universitäten flächendeckend angeboten, bis man merkte, dass es mit Ringvorlesungen nicht getan ist, in denen Themen wie “Gewalt in der Gesellschaft” oder “Die Kultur des Schmerzes” von vielen Disziplinen beleuchtet wurden, aber schön brav nacheinander, eine Disziplin nach der anderen, ohne das es wirklich zu einem interdisziplinären Gespräch kam. Nach wie vor finden interdisziplinäre – oder sollte man sagen: transdisziplinäre – Veranstaltungen statt, aber immer noch trägt ein Redner nach dem anderen – oder eine Rednerin nach der anderen – vor, und man gibt sich große Mühen, das zu vermeiden, was der Physiker Erwin Schrödinger einmal “die Gefahr, sich lächerlich zu machen” genannt hat, als er in den 1940er Jahren versuchte, die lebendige Zelle mit den Augen eines Physikers zu sehen. Auf diesen Mut, sich lächerlich zu machen, kommt es aber an, wenn es echtes Studium Generale gelingen und ein Problem wie die Digitalisierung der Gegenwart behandelt werden soll. Ob dies der Fall ist, konnte man Mitte November 2017 in Leipzig studieren, als der dort angesiedelte Arbeitskreis Studium Generale Sachsen zu einer Tagung geladen hatte, auf der es um Praxis, Potentiale und Perspektiven dieses nach wie vor nötigen Studienangebots der Universität ging.

Wer an den Vorlesungen und Seminaren teilnahm, wurde zuerst enttäuscht über die geringe Zahl der Teilnehmer und Zuhörer. Selbst bei Keynote Lectures, wie man inzwischen sagt, fanden sich kaum 20 Hörerinnen und Hörer in dem schönen Hörsaal ein, der mehr als Hundert Plätze bot, und von der kleinen Schar bewies rund die Hälfte ihre iPhone Kompetenz, während der Keynote Speaker sich abmühte. Das mit der Kompetenz ist böser gemeint, als es klingt, denn auffallend an den Beiträgen, die Sprecherinnen und Sprecher von verschiedenen Universitäten zum Thema der Tagung lieferten, war vor allem das Fehlen des Wortes “Bildung”. Es wird beim Studium Generale fast vollständig durch “Kompetenz” ersetzt, und da kennt man offenbar ein breites Spektrum: In den Beiträgen war die Rede von “reflexiver Kompetenz”, von “gesellschaftspolitischer Kompetenz”, von “visueller, medialer, kreativer, personenbezogener, interkultureller und fremdsprachlicher Kompetenz”, und bevor jetzt jemand darüber lacht – also über das, was der Philosoph Odo Marquard einmal “Inkompetenzkompensationskompetenz” genannt hat -, sei darauf hingewiesen, dass es für jede Kompetenz eine eigene Professur gibt. Es gibt sogar eine Professorin für Schlüsselkompetenz, wobei die Nachfrage, ob damit die Hausmeisterin gemeint sei, mit der Erläuterung beantwortet wurde, diese Position habe eine Ärztin inne. Vielleicht sind solche Professuren langfristig nötig, denn es hat ja im Mittelalter auch geholfen, dass es an der Universität von Padua eine Professur für das Dividieren gab (mit römischen Ziffern natürlich).

Übrigens – was früher einfach nur Studium Generale hieß, nennt sich heute auch Studium fundamentale oder Studium integrale oder auch Studium plus, wobei zwar nicht klar ist, was wem additiv hinzugefügt wird. Eine Hochschule, die Leuphana Universität in Lüneburg, nennt ihr Studium Generale “fächerübergreifendes Komplementärstudium”, was anfänglich kompliziert klingt, aber ein brauchbares Konzept andeutet. Die Idee der Komplementarität findet sich – ohne den Namen – bei Kant, bei dem eine Erkenntnis aus Begriff und Anschauung besteht, wobei Begriffe ohne Anschauung leer bleiben und Anschauung ohne Begriffe blind ist. In der modernen Physik versteht man das Licht komplementär, da es sich sowohl als Welle als auch als Teilchen zeigen kann. Seit den späten 1950er Jahren kennt man die Trennung der beiden Kulturen namens Geistes- und Naturwissenschaft oder die Komplementarität von literarischer und wissenschaftlicher Intelligenz, und das Studium Generale wollte in den 1960er Jahren und danach daran etwas ändern. Die Aufgabe liegt immer noch vor den Universitäten, und sie wird nicht bewältigt, wenn keine Rede mehr von Bildung ist, also von dem, was Ernst Robert Curtius die lebendige Wechselwirkung zwischen Mensch und Welt genannt hat. In Leipzig konnte davon keine Rede sein.

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