In der unseligen „edition unseld“ ist ein Büchlein mit dem Titel „Die gläsernen Gene“ erschienen, in dem die Autoren – eine Forschungsrätin und ein Stammzellgenetiker – sich Gedanken über „Die Erindung des Individuums im molekularen Zeitalter“ machen, wie es im Untertitel zu lesen ist. Das Buch scheint Rezensenten (der FAZ zum Beispiel) zu gefallen, aber es ist merkwürdig verwirrend und dümmlich. Was zunächst auffällt – das Buch ist zwar für den berühmten interdisziplinären Diskurs geschrieben, es enthält aber ein Glossar, in dem nur naturwissenschaftliche Begriffe stehen – und einige von ihnen falsch. (Das Genom ist nicht die Gesamtheit der Gene, so schön das auch klingt.) Andere zentrale Begriffe aus dem Text wie „Governance“ oder „essentialistisch“ werden dort nicht aufgegührt. Wie soll man jetzt den Satz verstehen, daß Technik nicht Essentielles hervorbringen kann? Wissenschaften schaffen Möglichkeiten, und ich halte das für essentiell. Ärgerlich an dem Buch ist vor allem der Titel, der sich an Bestseller wie „egoistische“ oder „kooperative“ Gene orientiert. Dabei handelt der Text davon, daß die Gene zwar anzuschauen, aber noch lange nicht zu durchschauen sind. Weiter im erweiterten Text.

Überhaupt wird sich ein Leser mit Liebe zur Naturwissenschaft bei der Lektüre der gläsernen Gene mehrfach darüber ärgern, daß die Autoren – in bekannter geisteswissenschaftler Manier – umfassende Ansprüche formulieren – „Die Natur hat keine Geheimnisse mehr“ -, die rein willkürlich sind und durch nichts abgedeckt werden. Die Naturwissenschaft verwandelt doch keineswegs eine geheimnisvolle Natur in eine technische Lösung; sie verwandelt vielmehr eine geheimnisvolle Natur in eine mysteriöse Erklärung, wie seit mindestens 100 Jahren in der Literatur nachzulesen ist. Es ist schön, wenn die Autoren optimistisch verkünden, daß „die soziale Verbreitung der Bildung“ in diesen Tagen so hoch wie nie zuvor ist. Aber sie verpassen die Chance, an dieser Stelle die Möglichkeit zu erkennen, mit der die essentielle Verwandlung gelingen kann, nämlich die Verwandlung des Menschen von einem durchschnittlichen Objekt zu einem individuellen Subjekt. Und dieses Subjekt interessiert sich für seine Gene – zum Ärger der Autoren.